Die Geschichte der Familie von Bodeck zeigt über Generationen hinweg ein Spannungsfeld, das für die frühe Neuzeit insgesamt kennzeichnend ist: den fortwährenden Versuch, Ordnung, Recht und Kontinuität zu schaffen in einer Welt, die sich dieser Ordnung immer wieder entzog.
Diese Erfahrung verbindet die unterschiedlichen Linien und Personen der Familie. Sie verbindet Johann von Bodeck in Frankfurt ebenso wie Bonaventura II. in Ellgau und die nachfolgenden Generationen.
Johann wirkte in einem urbanen, wirtschaftlich geprägten Umfeld. Er war organisiert, vernetzt, verantwortlich. Ein Mann, der Dinge ordnete, Verträge schloss, Vertrauen schuf. Gerade deshalb muss ihn der frühe Tod seiner jüngeren Söhne besonders tief getroffen haben. Denn hier versagte alles, was ihn sonst trug: Erfahrung, Einfluss, Vermögen, Vernunft.
Dass er finanziell in der Lage war, ein monumentales Epitaph zu errichten, machte den Verlust nicht geringer. Es machte ihn bewusster. Johann wusste, dass viele dieses Glück nicht hatten. Er wusste, dass sein eigener Neffe nur durch Zufall einem Massengrab entging, während zahllose andere namenlos verschwanden. Diese Kenntnis konnte trösten – oder sie konnte den Schmerz vertiefen. Wahrscheinlich tat sie beides.
Das Grabmal für seine Söhne war daher kein Ausdruck von Überlegenheit. Es war ein Versuch, festzuhalten, was nicht festzuhalten war. Ein Akt gegen das Verstummen. Ein Zeichen dafür, dass diese Kinder gelebt hatten, geliebt worden waren und nicht im Schweigen der Zeit untergehen sollten.
Bonaventura II. in Ellgau steht für dieselbe Epoche unter anderen Vorzeichen. Auch er trug Verantwortung. In seiner Rolle war er bemüht, Ordnung, Recht und Stabilität aufrechtzuerhalten, nicht abstrakt, sondern im Alltag. Ellgau war kein Zentrum großer Politik, kein offensichtlicher Seuchenherd, kein Brennpunkt der Geschichte.
Und doch blieb auch dieser Ort nicht verschont. Die Pest machte keinen Unterschied. Sie fragte nicht nach Amt, Rang oder Wohnort. Sie traf Familien unvermittelt und ließ auch dort Leere zurück, wo man sich sicher geglaubt hatte.
Dass Bonaventuras Familie betroffen war, zeigt die Grenzen aller Vorsorge. Wohlstand konnte schützen – aber nicht bewahren. Die Kinder Bonaventuras stehen einerseits für Kontinuität, für Fortbestand und soziale Sicherheit. Gleichzeitig erlebt bereits sein Sohn Friedrich, wie brutal diese Sicherheit zerbricht, als innerhalb eines einzigen Pestjahres – bis auf Adolf – nahezu alle seine Kinder sterben.
Man kann solche Ereignisse historisch einordnen. Man kann sie erklären, vergleichen, kontextualisieren. Doch für die Betroffenen waren sie kein Befund. Sie waren ein Einschnitt, ein Verstummen von Stimmen, ein plötzliches Fehlen im Alltag.
Die Kriege des 17. Jahrhunderts, insbesondere der Dreißigjährige Krieg, erscheinen aus heutiger Sicht kaum begreiflich in der ihnen damals zugeschriebenen Sinnhaftigkeit. Gerade weil wir heute um ihre verheerenden menschlichen Folgen wissen, müssen wir diese damaligen Sinnzuschreibungen kritisch hinterfragen – ohne den Menschen jener Zeit ihre Deutungsversuche abzusprechen.
Ordnung zu schaffen – im Handel, im Recht, in der Verwaltung, im Familiengedächtnis – war eine Antwort auf das Unverfügbare. Nicht als Beherrschung der Welt, sondern als Versuch, in ihr bestehen zu können.
Diese Website möchte daher mehr sein als eine Sammlung von Namen, Linien und Daten. Sie versteht sich als Erinnerung daran, dass hinter jeder genealogischen Struktur Menschen standen, die liebten, hofften, trauerten und dennoch weiterlebten.
In dieser Spannung zwischen Ordnung und Verlust, zwischen Gestaltung und Ohnmacht, liegt etwas zutiefst Menschliches – etwas, das über Jahrhunderte hinweg verbindet.