Der Danziger Ast

Der Danziger Ast der Familie von Bodeck gehört zu den bemerkenswertesten städtischen Linien der Familie. Während sich in Frankfurt am Main der frühe wirtschaftliche und soziale Aufstieg abzeichnete und mit Ellgau später der landadlige Zweig hervortrat, zeigt sich in Danzig eine andere Entwicklung: die feste Einbindung in das Patriziat einer der bedeutendsten Handelsstädte des Ostseeraums.

Der Weg in dieses Umfeld lässt sich über mehrere Generationen verfolgen. Bereits Valentin von Bodeck (*1515), ein Bruder Bonaventuras I., war Bürgermeister der Stadt Elbing. Durch seine Ehe mit Ursula von der Lohe war die Familie zudem mit einem patrizischen Umfeld verbunden, das im preußischen Handelsraum Gewicht besaß. Sein Sohn Johann von Bodeck (*1542) gehörte als Ratsherr ebenfalls zur städtischen Führungsschicht Elbings.

In diesem Milieu wurde Valentin von Bodeck (*1578) geboren. Dass er später seinen Lebensmittelpunkt nach Danzig verlegte und dort am 21. August 1600 Agathe von der Linde heiratete, war kein zufälliger sozialer Sprung, sondern erscheint vor dem Hintergrund des engen patrizischen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen Elbing und Danzig durchaus folgerichtig. Beide Städte gehörten zum selben Handelsraum des Königlichen Preußen; ihre führenden Kaufmanns- und Ratsfamilien waren über Handel, Bildung und Heiraten eng miteinander verflochten.

Die Heirat mit Agathe von der Linde

Die Familie von der Linde gehörte über Generationen zu den führenden Geschlechtern des Danziger Patriziats. Mehrere ihrer Angehörigen bekleideten das Amt des Bürgermeisters der Stadt. Die Ehe Valentins von Bodeck mit Agathe von der Linde verband die Familie somit mit einem der politisch einflussreichsten Ratsgeschlechter Danzigs.

Hochzeitsgemälde von Valentin von Bodeck und Agathe von der Linde
Monumentales Hochzeitsgemälde der Danziger Patriziergesellschaft, zugeschrieben Hermann Hahn (um 1600).
Quelle: gemeinfrei / Wikimedia Commons

Das Hochzeitsgemälde ist weit mehr als ein Familienbild. Es dokumentiert die Verbindung zweier patrizischer Häuser und veranschaulicht den Rang, den die Familie von Bodeck um 1600 im städtischen Milieu Danzigs bereits beanspruchen konnte. Gerade im Zusammenhang mit den späteren politischen Ämtern der Nachkommen gewinnt dieses Bild besonderen Quellenwert.

Valentin von Bodeck und seine Nachkommen

Die Bedeutung dieser Ehe zeigt sich besonders an den Söhnen Valentins. Aus der Verbindung mit Agathe von der Linde gingen Vertreter einer Generation hervor, die fest in das politische und soziale Gefüge Danzigs eingebunden war.

Niclas von Bodeck (*31.08.1611) heiratete 1633 Elisabeth Rogge und nach deren Tod 1648 Constantia Giese. Er stieg später zum Bürgermeister von Danzig auf und erreichte damit eines der höchsten städtischen Ämter.

Sein Bruder Valentin von Bodeck (*21.12.1617 Danzig, †27.08.1677 Danzig) wurde Ratsherr der Stadt Danzig. Er heiratete 1645 Cordula von Schwartzwaldt und 1652 Adelgunde Giese. Über ihn sind besonders dichte Quellen erhalten: Er erhielt als sogenanntes Bürger-Kind die Bestätigung der Kaufmannsbürgerschaft Danzigs, unternahm eine mehrjährige Bildungsreise durch Europa – über Königsberg, die Niederlande, England, Frankreich und Italien – und war später in mehreren städtischen Funktionen tätig. 1695 wurde zudem seine Bibliothek zusammen mit der seines Sohnes versteigert. Dies alles zeigt ihn als typischen, zugleich aber außergewöhnlich gut dokumentierten Patriziersohn des 17. Jahrhunderts.

Auch die Heiraten der Söhne weisen in denselben exklusiven Familienkreis: Rogge, Giese und Schwartzwaldt gehören allesamt in das patrizische Milieu Danzigs. Auffällig ist insbesondere, dass bereits ein älterer Angehöriger der Familie, Johann („Hans“) von Bodeck (*1582, †1658 Hamburg), 1610 eine Cordula von Schwarzwald heiratete. Dass zwei Generationen der Familie in dasselbe Geschlecht einheiraten, spricht für enge und über längere Zeit bestehende Beziehungen innerhalb dieses patrizischen Kreises.

Patrizische Selbstdarstellung im Porträt

Besonders anschaulich wird die Stellung der Familie durch die erhaltenen Porträts von Valentin von Bodeck und seinem Sohn Niclas von Bodeck, die heute gemeinsam im Museum der Stadt Elbing (Elbląg) präsentiert werden. Beide Gemälde zeigen links jeweils das nach 1584 gebesserte Familienwappen der von Bodeck.

Valentin von Bodeck
Valentin von Bodeck
Miniaturporträt, zugeschrieben Laurens de Neter.
Niclas von Bodeck
Niclas von Bodeck
Miniaturporträt, zugeschrieben Laurens de Neter.

Quelle der beiden Porträts: Muzeum Archeologiczno-Historyczne w Elblągu; RKD – Netherlands Institute for Art History; vgl. Jacek Tylicki, „Miniaturowe portrety Valentina i Nikolausa von Bodeck i ich twórca – Laurens de Neter“, Elbląskie Studia Muzealne 2, 2011.

Links: Valentin von Bodeck. Rechts: sein Sohn Niclas von Bodeck, später Bürgermeister von Danzig. Beide Porträts zeigen bereits das nach 1584 gebesserte Wappen der Familie von Bodeck und dokumentieren zwei Generationen der Familie im Danziger Patriziat.

Die Gegenüberstellung dieser beiden Bilder ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Sie zeigt nicht nur Vater und Sohn, sondern zugleich den Wandel der bürgerlichen Porträtkultur vom frühen zum mittleren 17. Jahrhundert. Während Valentin noch mit dem für die Zeit typischen großen Mühlsteinkragen erscheint, trägt Niclas bereits die spätere Form des flach fallenden Spitzenkragens. In beiden Bildern erscheint das gebesserte Familienwappen als stiller, aber deutlicher Hinweis auf Rang und Selbstverständnis.

Der Danziger Ast als Pendant zu Frankfurt und Ellgau

In der Gesamtgeschichte der Familie bildet der Danziger Ast ein eigenes Zentrum. Frankfurt am Main steht für den frühen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der Familie, Ellgau für den späteren landadligen Zweig, Danzig dagegen für die Einbindung in das patrizische und politische Milieu einer großen europäischen Handelsstadt.

Gerade darin liegt die besondere historische Aussagekraft dieses Zweiges: Innerhalb weniger Generationen zeigt sich die Familie von Bodeck nicht nur als Handel treibendes oder lokal angesehenes Geschlecht, sondern als Teil eines weitgespannten städtischen Führungsmilieus, dessen Mitglieder in Elbing und Danzig Ämter, Bildung, Heiratsnetzwerke und politische Funktionen miteinander verbanden.