Linien und Verzweigungen der verschiedenen Familienäste

5.1 Die Frankfurter Linie

Frankfurt am Main im 17. Jahrhundert, Stadtansicht
Frankfurt am Main, Stadtansicht im 17. Jahrhundert.

Frankfurt am Main bildete seit dem späten 16. Jahrhundert den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mittelpunkt jener Linie der Familie von Bodeck, die in der Forschung als Frankfurter Linie bezeichnet wird.

Nach der Flucht aus Antwerpen und der Ansiedelung Bonaventura I. von Bodeck in Frankfurt am Main bilden sich aus seiner Nachkommenschaft zwei größere Linien heraus. Mit Johann von Bodeck entsteht die sogenannte Frankfurter Linie, die bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts verfolgt werden kann. Aus der Nachkommenschaft Bonaventuras II. entwickelt sich die später als Ellgauische Linie bezeichnete Linie.

Johann von Bodeck der Ältere

Johann von Bodeck ist nicht nur genealogisch, sondern auch sozial und konfessionell eindeutig in der protestantisch geprägten Oberschicht der Reichsstadt Frankfurt am Main zu verorten. Als aus den damaligen Niederlanden geflohener Protestant gehört er jener Gruppe von Glaubensflüchtlingen an, die im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert in Frankfurt Aufnahme fanden und das wirtschaftliche wie religiöse Leben der Stadt nachhaltig prägten. Sein langjähriges Engagement als Vorsitzender der Niederländischen Gemeinde Augsburger Konfession unterstreicht diese Stellung und verweist zugleich auf seine anerkannte Rolle innerhalb der protestantischen Gemeinde.

Die wirtschaftliche Basis dieser Position bildet ein außergewöhnlich großes Vermögen. Johann von Bodeck d. Ä. gilt als der erste nachweisbare Guldenmillionär Frankfurts, ein Rang, der weniger durch spekulative Einzelgeschäfte als durch eine strategisch angelegte Vermögensstruktur erreicht wurde. Ein Teil dieses Kapitals floss in prestigeträchtige Immobilieninvestitionen, die sowohl innerstädtische Häuser in Frankfurt als auch umfangreiche Besitzungen im Umland umfassten. Dazu zählen das Gut Nierstein, ein Gutshof in Frankfurt-Praunheim sowie Besitzungen in Berghaupten. Diese Investitionen verbinden städtisches Kapital mit ländlichem Grundbesitz und dokumentieren eine Form der Vermögenssicherung, die zugleich sozialen Rang und langfristige Stabilität gewährleistete.

In der Verbindung von konfessioneller Identität, wirtschaftlicher Potenz und städtischer Verankerung wird Johann von Bodeck d. Ä. zu einer prägenden Gestalt der Frankfurter Linie. Seine Position erklärt sowohl die Kontinuität dieser Linie über mehrere Generationen als auch ihre Fähigkeit, die politischen und wirtschaftlichen Belastungen des frühen 17. Jahrhunderts, einschließlich der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, ohne grundlegenden Bruch zu überstehen.

Übergang zur zweiten Generation

Mit dem Tod Johann von Bodeck d. Ä. endet die Phase der persönlichen Prägung der Linie durch eine einzelne Gestalt; die weitere Entwicklung verteilt sich nun auf mehrere Nachkommen.

Nach dem Tod Johann von Bodeck im Jahre 1631 führten seine Kinder, vor allem sein Sohn Johann von Bodeck der Jüngere, die wirtschaftlichen Aktivitäten der Familie fort. Johann von Bodeck d. Ä. hatte insgesamt zehn Kinder. Die weitere Entwicklung dieser Nachkommenschaft verlief dabei unterschiedlich. Mehrere seiner Töchter heirateten in adelige Familien sowie in wirtschaftlich und im Finanzwesen tätige Häuser ein und trugen so zur überregionalen Vernetzung der Familie bei, ohne selbst linienführend zu werden.

Ein Teil der Söhne Johann von Bodeck des Älteren verstarb vergleichsweise früh. Andere setzten die wirtschaftlichen Aktivitäten der Familie fort. Dabei knüpften sie an die von Johann dem Älteren geschaffenen Strukturen an und setzten dessen Tätigkeit als vermögender Kaufmann, Kapitalgeber und Finanzier in vergleichbarer Weise fort. Die Kontinuität dieser Geschäftspraxis trug entscheidend dazu bei, den sozialen Rang und die wirtschaftliche Stellung der Familie in Frankfurt auch über die unmittelbare Gründerpersönlichkeit hinaus zu sichern.

Johann von Bodeck der Jüngere und der Übergang nach Utrecht

Johann von Bodeck der Jüngere tritt dabei als zentrale Figur der zweiten Generation hervor. Er übernimmt nicht nur bestehende Vermögenswerte, sondern führt die wirtschaftlichen Verbindungen und Investitionsstrategien seines Vaters weiter, bevor sich mit ihm erstmals eine deutliche räumliche Neuorientierung der Linie abzeichnet.

Mit Johann von Bodeck d. J. vollzieht sich innerhalb der Frankfurter Linie erstmals ein klarer räumlicher Bruch. Während die vorhergehenden Generationen ihren Lebensmittelpunkt in Frankfurt am Main beibehalten hatten, verlagert Johann der Jüngere seinen Wohnsitz nach Utrecht. Dieser Schritt ist nicht als Abkehr von der bisherigen familiären Tradition zu verstehen, sondern als bewusste Neuorientierung innerhalb eines wirtschaftlich und konfessionell vertrauten Raumes. Die Niederlande bildeten im 17. Jahrhundert einen zentralen europäischen Handels- und Finanzraum und boten insbesondere protestantischen Familien günstige Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Tätigkeit und gesellschaftliche Integration.

Dieser Ortswechsel blieb kein rein individueller Vorgang. Ein Teil seiner Brüder verlagerte ebenfalls seinen Lebensmittelpunkt nach Utrecht, was auf eine familienübergreifende Orientierung an den wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten des niederländischen Raumes hinweist. Die Verlagerung einzelner Familienmitglieder erfolgte dabei nicht abrupt, sondern im Rahmen einer schrittweisen Neuordnung der familiären Präsenz zwischen Frankfurt und den Niederlanden.

Johann von Bodeck der Jüngere ging die Ehe mit Susanne van Uffeln ein. Die Verbindung fügt sich in das bereits zuvor erkennbare Heiratsmuster der Familie ein, das auf soziale Gleichrangigkeit, wirtschaftliche Vernetzung und konfessionelle Übereinstimmung ausgerichtet war. Mit dieser Ehe verfestigt sich die Bindung der Linie an den niederländischen Raum und zugleich der Übergang von der rein Frankfurter Prägung zu einer breiter aufgestellten, internationalen Ausrichtung.

Johann von Bodeck der Jüngere, Porträt, frühes 17. Jahrhundert
Johann von Bodeck der Jüngere, Porträt, frühes 17. Jahrhundert.

Nachkommen Johann von Bodeck des Jüngeren

Auch bei den Kindern Johann von Bodeck d. J. lässt sich ein ähnliches Entwicklungsmuster beobachten wie bereits bei seinen Geschwistern. Die weiblichen Nachkommen heirateten überwiegend in höherstehende adelige Familien ein und setzten damit die bereits zuvor erkennbare Strategie sozialer und genealogischer Vernetzung fort. Zu diesen Häusern zählen unter anderem die Familien de Randerode van der Aa, Blois van Amstel sowie erneut van Uffeln. Diese Heiratsverbindungen führten nicht zur Fortsetzung einer eigenen linienführenden Nachkommenschaft, wirkten jedoch verbindend in das höhere adelige und wirtschaftlich einflussreiche Umfeld hinein.

Demgegenüber verstarb ein Teil der männlichen Nachkommen bereits in jungen Jahren und hinterließ keine eigenen Nachkommen. Dadurch reduzierte sich die Zahl der fortführenden Zweige innerhalb dieser Generation erheblich. Insgesamt zeigt sich damit auch bei den Kindern Johann des Jüngeren eine Entwicklung, die weniger von kontinuierlicher Linienbildung als von Verzweigung, punktuellem Fortbestehen und teilweisem Auslaufen geprägt ist.

Diese Entwicklung setzt sich in der folgenden Generation in unterschiedlicher Weise fort. Innerhalb der Nachkommenschaft Johann von Bodeck d. J. lassen sich unterschiedliche Entwicklungen beobachten, die sowohl eine Rückbindung an Frankfurt als auch eine dauerhafte Verlagerung in den norddeutschen Raum erkennen lassen.

Einzelne Zweige der Nachkommenschaft

Ein Sohn, Dominicus von Bodeck (geboren 1619), verlagerte seinen Lebens- und Betätigungsmittelpunkt wieder nach Frankfurt am Main. Damit knüpfte er bewusst an die ältere Frankfurter Tradition der Familie an. Im Jahr 1652 heiratete er dort die Tochter einer hoch angesehenen Frankfurter Familie zum Jungen und festigte so seine soziale Stellung im etablierten städtischen Umfeld.

Ein anderer Sohn, Bonaventura von Bodeck (geboren 1624), wählte einen abweichenden Weg und legte seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Gylsau. Die von ihm ausgehende Nachkommenschaft ist nicht mehr im Frankfurter Raum verankert, sondern tritt im norddeutschen Umfeld in Erscheinung. In den folgenden Generationen kam es zu Heiratsverbindungen in die Familie von Oertzen sowie, über die Enkelgeneration, in die Familie von Bülow. Diese Verbindungen weisen deutlich auf eine dauerhafte Einbindung dieses Zweiges in den mecklenburgisch-norddeutschen Adel hin.

Auslaufen der Frankfurter Linie

Innerhalb der Nachkommenschaft Dominicus von Bodeck setzte sich die Frankfurter Verankerung der Familie zunächst fort. Seine Töchter heirateten in angesehene adelige Frankfurter Familien ein, darunter die Häuser von Günderode und von Lersner. Diese Verbindungen unterstreichen die fortbestehende soziale Einbindung des Zweiges in das patrizisch-adelige Umfeld der Reichsstadt.

Linienführend wirkte insbesondere sein Sohn Johann Bonaventura von Bodeck (* 1661), der den Zweig gemeinsam mit seiner Ehefrau Anna Sibilla von Lersner weiterführte. Die familiäre Entwicklung dieser Generation ist jedoch von erheblichen demographischen Verlusten geprägt. Bemerkenswert ist die hohe Zahl tot geborener Söhne, insgesamt sechs im Zeitraum zwischen 1691 und 1704, sowie das frühe Versterben mehrerer Töchter. Diese Umstände führten zu einer deutlichen Ausdünnung der fortführenden Nachkommenschaft.

Als letzter männlicher Vertreter der Frankfurter Linie tritt Carl Maximilian von Bodeck (* 1696) hervor. Er heiratete Margarete Elisabeth von Lersner, blieb jedoch ohne eigene Nachkommen. Mit seinem Tod im Jahr 1755 in Friedberg erlischt die Frankfurter Linie der Familie von Bodeck im Mannesstamm.

Mit dem Erlöschen der Frankfurter Linie im Mannesstamm schließt sich damit jener genealogische Abschnitt der Familiengeschichte, der über mehrere Generationen hinweg eng mit der Reichsstadt Frankfurt verbunden war.

Genealogischer Ausblick: Verbindung zum niederländischen Königshaus

Ausgehend von Bonaventura von Bodeck, der in Gylsau verstarb, lässt sich eine durchgängige genealogische Verbindung bis in das niederländische Königshaus nachweisen. Diese Verbindung entsteht nicht über eine fortgeführte männliche Linie, sondern über eine Folge von Eheschließungen weiblicher Nachkommen in den norddeutschen Adel.

Die Tochter Bonaventuras, Susanna Francina von Bodeck, heiratete Joachim Dietrich Werner von Bülow. Deren Tochter Susanne von Bülow ging die Ehe mit Helmut Friedrich von Oertzen ein. Über weitere Generationen der Familien von Oertzen, von Bülow, von Koppelow, von Passow und von dem Busche führt diese Linie schließlich zur Familie von Amsberg.

Wird fortgesetzt.