Die Herrschaft Ellgau (Elgg ZH)

Ellgau bezeichnet in der Familiengeschichte der von Bodeck den historischen Herrschafts- und Siedlungsraum des heutigen Elgg im oberen Eulachtal des Kantons Zürich. Der Ort liegt rund zwölf Kilometer östlich von Winterthur nahe der Grenze zum Kanton Thurgau und bildet einen klar umrissenen Raum im nordöstlichen Schweizer Mittelland.

Geographische Lage des historischen Herrschaftsraums Ellgau (heute Elgg) im oberen Eulachtal
Abb.: Geographische Lage des historischen Herrschaftsraums Ellgau (heute Elgg) im oberen Eulachtal.
Quelle: Wikimedia Commons.

Die Herrschaft Ellgau entwickelte sich seit dem Spätmittelalter als kleinräumige Territorialherrschaft mit eigener Gerichtsbarkeit, wirtschaftlichen Nutzungsrechten und lokalpolitischer Bedeutung innerhalb des habsburgischen Einflussraumes.

Burg, Städtchen und zugehörige Rechte wurden über längere Zeit als Pfandschaft vergeben – ein im 14. und 15. Jahrhundert übliches Instrument habsburgischer Finanzpolitik. In diesem Zusammenhang erscheint die Herrschaft zunächst im Besitz der Familie von Landenberg; später folgen weitere Übergänge innerhalb regionaler Adels- und Patrizierkreise, unter anderem über die Familien vom Rösslin, Meiss sowie die Herren von Hinwil. Diese Besitzer prägten Verwaltung, Gerichtsbarkeit und wirtschaftliche Nutzung der Herrschaft nachhaltig.

Die Herrschaft Ellgau besaß neben ihrer symbolischen Bedeutung auch wirtschaftliches Gewicht. Wasserrechte, Mühlen, landwirtschaftliche Nutzflächen sowie Abgaben- und Gerichtsrechte bildeten die Grundlage der lokalen Herrschaftsausübung. Entsprechende archivalische Quellen – insbesondere im Staatsarchiv Zürich – dokumentieren Rechtsstreitigkeiten, Besitzwechsel und Verwaltungsfragen über mehrere Jahrhunderte hinweg.

Vor dem Erwerb durch Bonaventura II. von Bodeck befand sich die Herrschaft Ellgau über längere Zeit im Besitz verschiedener Adels- und Patrizierfamilien. Nach einer Phase habsburgischer Pfandherrschaft gelangte sie im 16. Jahrhundert zunehmend in die Hände Zürcher Patrizier, zuletzt an die Brüder Hans Heinrich und Hans Ludwig Heinzel von Tägernstein. Zeitgenössischen Darstellungen zufolge sollen sich dabei erhebliche Schulden angesammelt haben, die schließlich eine Größenordnung von etwa 100.000 Gulden erreicht haben sollen und den späteren Verkauf der Herrschaft begünstigten.

Besitzfolge der Herrschaft Ellgau (Elgg ZH) – Überblick

Der Erwerb von Schloss und Herrschaft Ellgau ist durch mehrere zeitgenössische Dokumente belegt. Die nachfolgenden Urkunden dokumentieren sowohl den Kauf der Herrschaft als auch die Finanzierung dieses Erwerbs.

Vor diesem Hintergrund erwarb der kaiserliche Rat Bonaventura II. von Bodeck im Jahr 1599 Schloss und Herrschaft Ellgau (Staatsarchiv Zürich, C I Nr. 2004, 19.04.1599).

Der Erwerb steht innerhalb einer langen Tradition von Pfand- und Besitzübertragungen und markiert zugleich den Beginn der ellgauischen Phase der Familie von Bodeck.

Diese Seite dient der historischen Einordnung der ellgauischen Linie der Familie von Bodeck und ergänzt die genealogischen Darstellungen der Chronik. Sie konzentriert sich bewusst auf strukturelle und herrschaftsgeschichtliche Aspekte, während die personengeschichtliche Entwicklung der Familie in den jeweiligen Kapiteln behandelt wird.

Der Erwerb der Herrschaft Ellgau im Jahr 1599

Kaufurkunde über Schloss und Herrschaft Ellgau (19. April 1599)

Kaufurkunde über Schloss und Herrschaft Ellgau vom 19. April 1599
Kaufurkunde über Schloss und Herrschaft Ellgau vom 19. April 1599.
Quelle: Staatsarchiv Graubünden, Chur.

Die Kaufurkunde vom 19. April 1599 dokumentiert den Erwerb von Schloss und Herrschaft Ellgau durch den kaiserlichen Rat Bonaventura II. von Bodeck. Der Kaufpreis betrug insgesamt 64.500 Gulden und entspricht nach heutigen Kaufkraftvergleichen grob einem Betrag im Bereich von etwa 15 bis 30 Millionen Euro. Wenige Tage später stellte Bonaventura II. am 1. Mai 1599 in Elgg einen Schuldbrief über 12.000 Gulden aus, der einen Teil der finanziellen Abwicklung dieses Erwerbs regelte.

Schuldbrief Bonaventuras II. von Bodeck (Elgg, 1. Mai 1599)

Schuldbrief Bonaventuras II. von Bodeck, Seite 1 Schuldbrief Bonaventuras II. von Bodeck, Seite 2 Schuldbrief Bonaventuras II. von Bodeck, Seite 3 Schuldbrief Bonaventuras II. von Bodeck, Seite 5
Schuldbrief Bonaventuras II. von Bodeck über 12.000 Gulden, ausgestellt in Elgg am 1. Mai 1599.
Quelle: Staatsarchiv Graubünden in Chur.

Der am 1. Mai 1599 in Elgg ausgestellte Schuldbrief enthält die rechtliche Verpflichtung Bonaventuras II. von Bodeck zur Zahlung einer Schuld von 12.000 Gulden. In dem Dokument erkennt er die entsprechenden Forderungen und Rechte an, die im Zusammenhang mit dem Erwerb von Schloss und Herrschaft Ellgau stehen, und verpflichtet sich zur ordnungsgemäßen Begleichung dieser Schuld. Der Schuldbrief dokumentiert damit einen Teil der finanziellen und rechtlichen Absicherung des kurz zuvor abgeschlossenen Kaufs.

Die in den Urkunden genannten Summen – insgesamt 64.500 Gulden für den Erwerb der Herrschaft sowie eine Schuldverschreibung über 12.000 Gulden – verdeutlichen zugleich den erheblichen wirtschaftlichen Umfang dieses Geschäfts. Sie zeigen, dass Bonaventura II. über beträchtliche finanzielle Mittel verfügte und sich der damit verbundenen Verpflichtungen bewusst war.

Bonaventura II. von Bodeck

Bonaventura II. von Bodeck wurde am 12. September 1556 in Antwerpen geboren, ein Jahr nach seinem Bruder Johann. Er war ein Sohn von Bonaventura I. von Bodeck und Agathe van Neck.

Wie sein Bruder Johann erhielt auch Bonaventura II. eine umfassende Ausbildung. Er wurde an bedeutende Bildungsstätten seiner Zeit geführt und hielt sich in seinen Studien- und Reisejahren auch außerhalb des Reiches auf. Zeitgenössische Berichte heben seine außergewöhnliche Gelehrsamkeit hervor. Er beherrschte mehrere europäische Sprachen und widmete sich mit großer Leidenschaft dem Studium von Geschichte, Theologie und den freien Künsten. Seine umfangreiche Bibliothek, die in der Leichenpredigt als ein „köstlicher Schatz von Büchern“ bezeichnet wird, zeugt von diesem ausgeprägten Bildungsinteresse.

Wegen seiner Bildung, seines scharfen Urteils und seines aufrechten Wandels stand Bonaventura II. in hohem Ansehen. Kaiser Rudolf II. ernannte ihn zum kaiserlichen Rat, ein Amt, das er über viele Jahre hinweg ausübte. Als überzeugter Anhänger der evangelischen Lehre geriet er im konfessionell angespannten Umfeld Augsburgs zunehmend in Konflikte. Nach den Angaben der überlieferten Leichenpredigt zog er sich daher im Jahr 1599 nach Ellgau zurück, wo er fortan seinen Lebensmittelpunkt fand.

Bonaventura II. war zunächst mit Katharina von Rehlingen aus Augsburg verheiratet. Nach der Leichenpredigt dauerte diese Ehe neunzehn Jahre. Später ging er eine zweite Ehe mit Ursula von Bärenfels ein, mit der er fast sechzehn Jahre in Frieden gelebt haben soll.

Als Herr von Ellgau übte Bonaventura II. sowohl die niedere als auch die hohe Gerichtsbarkeit aus. Diese umfassenden Herrschaftsrechte standen nicht selten im Spannungsverhältnis zu den Interessen Zürichs. Zeitgenössische Berichte zeichnen ihn jedoch als einen gerechten und zugleich strengen, dabei aber menschlichen Gerichtsherrn, der seine Aufgaben mit Verantwortungsbewusstsein wahrnahm. In politischen und gerichtlichen Angelegenheiten galt er als unparteiisch und unbestechlich; zugleich wird hervorgehoben, dass er in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für seine Untertanen vorsorgte und gegenüber wirklicher Armut mildtätig war, ohne Müßiggang und Missbrauch zu dulden.

Zeitgenössische Berichte heben auch seine persönliche Frömmigkeit hervor. Bonaventura II. versammelte regelmäßig seine Familie und das Hausgesinde zur gemeinsamen Schriftlesung, so dass das Schloss Ellgau nach den Worten der Leichenpredigt zeitweise „einem Kirchlein gleich“ erschien. Seine evangelische Frömmigkeit prägte damit nicht nur sein persönliches Leben, sondern auch den Alltag seines Hauses.

Am Abend nach der gemeinsamen Schriftlesung im Schloss erlitt Bonaventura II. einen Schlaganfall. Nach wenigen Tagen Krankheit verstarb er am 4. Januar 1629 im Alter von zweiundsiebzig Jahren. Seine Beisetzung erfolgte am 9. Januar 1629 in der Pfarrkirche von Ellgau, wo Pfarrer Jacob Fäslin die Leichenpredigt hielt. Zeitgenössischen Berichten zufolge verschied er ruhig und ohne Klage, gleichsam wie schlafend, bis er seine Seele in Gottes Hände übergab.

Kinder aus der Ehe mit Katharina von Rehlingen

Historische Grabplatten aus Ellgau
Historische Grabplatten aus Ellgau; bei Renovierungsarbeiten der Kirche von Elgg in die Schlosskapelle überführt.
Foto: Thomas Kremer.

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